Es gibt eine Wahrheit, über die kaum jemand spricht:
Manchmal ist es nicht die Erschöpfung, die am meisten weh tut –
sondern der Moment, in dem Lebensfreude wieder auftaucht und Angst macht.

Ich lebe seit Monaten mit massiver Erschöpfung. Offiziell steht etwas von „depressiver Verstimmung“ in den Akten, faktisch ist mein Alltag von etwas geprägt, das viele mit CFS/ME beschreiben würden: begrenzte Energie, mangelnde Belastbarkeit, ein Nervensystem im Dauer-Alarm.

Am Anfang ging kaum etwas. Aufstehen war schwer. Denken auch.
Meine Kinder haben mich buchstäblich über Wasser gehalten.

Und jetzt – langsam, vorsichtig – kommt etwas zurück.
Kraft. Ein bisschen Freude. Lust auf Rhythmus. Auf Leben.

Und genau da beginnt das eigentliche Dilemma.


Wenn der Körper gelernt hat: Freude ist gefährlich

Mein Körper hat über Jahre etwas abgespeichert, das sich heute bitter anfühlt:

Lebensfreude = Überforderung.

Nicht aus Willkür. Nicht aus „Selbstsabotage“.
Sondern aus Erfahrung.

Denn früher bedeutete „es geht mir gut“:

  • höhere Erwartungen
  • mehr Verantwortung
  • weniger Rücksicht
  • mehr Funktionieren

Je lebendiger ich wirkte, desto mehr wurde von mir verlangt.
Und je mehr verlangt wurde, desto weiter ging ich über meine Grenzen – bis zum Zusammenbruch.

Mein Nervensystem hat daraus einen Schutzmechanismus gebaut:

Wenn ich nicht strahle, wenn ich müde bin, voll bin, langsam bin – dann kann mich niemand zwingen.

Das ist kein Defekt.
Das ist Überleben.


Das Unsichtbare, das niemand sieht

Was Außenstehende sehen:

  • ein Lächeln
  • ein gutes Outfit
  • ein wacher Moment
  • ein kurzer Ausflug

Was sie nicht sehen:

  • den Rückzug danach
  • das Liegen
  • das Sammeln von Kraft
  • die Stunden oder Tage, die es braucht, um sich zu erholen

Sie sehen einen Ausschnitt von ein bis zwei Stunden –
und schließen daraus auf Belastbarkeit.

Aber Energie ist nicht gleich Zuverlässigkeit.
Freude ist kein Beweis für Arbeitsfähigkeit.


Struktur macht Angst – nicht, weil sie schlecht ist

Ich merke, dass ich mir wieder Struktur wünsche:

  • einen sanften Rhythmus
  • Hausarbeit in kleinen Dosen
  • Bewegung
  • Halt im Alltag

Und gleichzeitig meldet sich sofort eine alte innere Stimme:

„Wenn du das kannst, dann musst du auch arbeiten.“

So wurden wir sozialisiert.
Struktur = Leistung.
Leistung = Arbeit.
Arbeit = Wert.

Aber was, wenn Struktur etwas anderes sein darf?

Was, wenn Struktur nicht dazu da ist, um zu funktionieren –
sondern um nicht wieder zu zerbrechen?


20 Jahre übergangen – das hat Spuren hinterlassen

Ich habe mich selbst lange übergangen.
Über 20 Jahre, davon mindestens 10 sehr intensiv.

Drei Kinder.
Selbstständigkeit.
Corona.
Dauerhafter äußerer Druck.
Kein Zuhause, das emotional getragen hat.

Mein Körper hat das ausgehalten, solange es ging.
Dann nicht mehr.

Das ist kein persönliches Versagen.
Das ist eine Grenze, die ich zu spät bzw. nie gehört habe.


Was ich gerade lerne (und was ich mir selbst erlaube)

Ich lerne langsam, meinem System etwas Neues beizubringen:

  • Dass Freude keine Konsequenz haben muss
  • Dass Struktur nicht automatisch Arbeit bedeutet
  • Dass ich mich gut fühlen darf, ohne etwas beweisen zu müssen

Ich darf leben, ohne leistungsfähig zu sein.
Ich darf Kraft haben, ohne sie abrufen zu müssen.
Ich darf sichtbar sein – und trotzdem Grenzen haben.


Vielleicht liest das jemand, der sich hier wiederfindet

Dann möchte ich dir sagen:
Du bist nicht faul.
Du bist nicht schwach.
Du bist nicht widersprüchlich.

Du bist ein Mensch, dessen Nervensystem gelernt hat, sich selbst zu schützen,
weil es zu lange niemand anderes getan hat.

Und das darf man langsam, behutsam, in Sicherheit neu lernen.

Posted in

Hinterlasse einen Kommentar