Was ist Überforderung?

Warum bricht ein Körper irgendwann so ein, dass er tatsächlich nichts mehr leisten kann – außer Ruhe?

In meinem Leben muss ich nicht lange suchen, um Orte der Überforderung zu finden. Ich werde sie hier nicht einzeln aufzählen. Es geht mir nicht um Schuld, nicht um Anklage und nicht darum, jemanden bloßzustellen. Es geht um etwas Grundsätzlicheres: um ein Phänomen, das viele betrifft – und über das dennoch selten ehrlich gesprochen wird.

Überforderung ist individuell.
Zwei Menschen können scheinbar das Gleiche erleben: dieselbe Situation, dieselbe Verantwortung, denselben Alltag. Der eine geht hindurch und bleibt stabil. Der andere wird davon tief erschüttert – manchmal traumatisiert.

Oft sind es die sogenannten „weicheren“ Menschen. Menschen, die intensiver fühlen, stärker reflektieren, sensibler wahrnehmen. Heute nennt man das hochsensibel oder empathisch. Mir geht es weniger um Begriffe als um Erfahrung. Denn ich bin so ein Mensch. Und ich weiß: Wenn mich etwas erfüllt, wenn Sinn, Leidenschaft und innere Zustimmung da sind, kann ich enorm viel tragen – auch über meine Grenzen hinaus, ohne daran zu zerbrechen. Fehlen diese Faktoren jedoch, wirkt dieselbe Belastung vollkommen anders.

So ist es mir passiert.


Überforderung hinterlässt Spuren

Ich befinde mich aktuell in einer Phase intensiver Selbstreflexion. Nicht, um mich zu bewerten oder zu verurteilen, sondern um Muster, Glaubenssätze und Überlebensstrategien zu erkennen, die mein Leben geprägt haben.

Diese Strategien haben mir eines ermöglicht:
Ich habe überlebt.
Ich bin nicht zusammengebrochen – zumindest nicht sofort.
Ich bin noch da.

Viele dieser Verhaltensweisen waren notwendig. Sie waren Schutz, Anpassung, Orientierung in einem System, das wenig Halt bot. Sie verdienen Anerkennung, nicht Abwertung.

Mein Körper jedoch zeigt mir seit etwa fünf Jahren sehr deutlich:
So wie bisher geht es nicht mehr.

Warum?
Weil ich gelernt habe, mich selbst zu übergehen.

Ein Nein wurde in meinem Leben selten akzeptiert. Nicht als Kind, nicht als Jugendliche, nicht als Erwachsene. Grenzen mussten erklärt, begründet, verteidigt werden. Aufmerksamkeit, Zuwendung und Sicherheit waren häufig an Leistung geknüpft.

Auch Beziehungen waren selten verlässlich. Grenzen wurden oft einfach übergangen. Nähe war an Bedingungen gebunden, Vertrauen wurde missbraucht. Das hinterlässt Spuren – nicht immer sichtbar, aber tief.


Was von außen gesagt wird – und was oft nicht gesehen wird

Heute höre ich Sätze wie:

„Du wolltest es doch so.“
„Ich habe dich immer bewundert, wie du alles geschafft hast.“
„Du hast nie nach Hilfe gefragt.“
„Früher haben Frauen das auch geschafft.“

Was dabei oft nicht gesehen wird:

– dass ich seit meiner Kindheit traumatisiert bin – ohne es lange zu wissen
– dass meine Grenzen immer wieder übergangen wurden
– dass Hilfe häufig nur nach Rechtfertigung kam
– dass Unterstützung sich manchmal wie ein weiterer Kraftakt anfühlte
– dass ich mein eigenes Limit klar benannt habe, ohne dass sich etwas änderte

Wie hätte ich mich da schonen sollen?
Wie hätte ich gesunde Grenzen wahren sollen?

Ich musste funktionieren.

Und viele der Menschen, die mir heute diese Sätze sagen, sind auch heute nicht in der Lage, mir wirklich zu helfen. Ihre Worte schützen vor allem sie selbst – sie halten Verantwortung bei mir. Ich habe das lange zugelassen. Jetzt nicht mehr. Und das irritiert.


Was mich besonders irritiert

Ich bin wegen Erschöpfung in Therapie.
Und doch hat mir bis heute niemand gezeigt, wie man sich wirklich entspannt.

Viel reden. Viel analysieren.
Kaum Raum. Kaum Zeit. Kaum Halt.

Immer wieder dieses Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen:
Warum ich wirklich nicht funktionieren kann.

Das kostet extrem viel Kraft.

Ich versuche weiterhin, das Gute im Menschen zu sehen – nur vorsichtiger als früher. Ich bin offen durch die Welt gegangen, habe meinen Weg geteilt, meine Erfahrungen, meine Verletzlichkeit. Ich ging davon aus, dass mir dort, wo Heilung versprochen wird, auch Achtsamkeit begegnet.

Ich musste lernen, dass das nicht selbstverständlich ist.
Grenzen wurden auch dort überschritten – in therapeutischen wie in spirituellen Kontexten. Das hat mich tief getroffen.

Ich lerne jetzt, Grenzen zu setzen. Später, als mir lieb ist, aber immer klarer. Mein System reagiert noch manchmal mit Erstarrung. Doch ich finde schneller zurück zu mir. Ich erkenne früher, wenn etwas nicht stimmt. Und ich sage immer öfter: Stopp.

Erst jetzt beginne ich langsam, wieder zu atmen. Wirklich zu atmen. Im Körper anzukommen. Mich zu halten. Mich zu sehen.
Nicht, weil mir jemand sagt, wie es geht – sondern weil es aus mir heraus entsteht.


Rückzug, Erkenntnis und ein leiser Wandel

Ich ziehe mich zurück.
Soziale Kontakte kosten Energie. Nur wenige Menschen bleiben.

Und dennoch geschieht etwas Neues: Hilfe zeigt sich. Nicht laut, nicht spektakulär, oft nicht im Außen – sondern im Inneren. Im Gesehenwerden. Im Gehaltensein. Einfach dadurch, dass ich sein darf.

Andere Menschen spiegeln mir ihre eigenen Prozesse. Wie sie Grenzen setzen, wie sie für sich sorgen. Darin erkenne ich mich wieder. Ich lerne. Und ich begreife: Ich bin nicht allein. Jeder geht seinen eigenen Weg durch ähnliche Prozesse.

Ich lerne auch, dass meine tiefe Erschöpfung nichts Falsches ist. Ich muss sie nicht bekämpfen. Ich darf sie annehmen. Und ich darf aus ihr lernen, welche Grenzen für mich wichtig und richtig sind.

Ich habe lange funktioniert. Ich habe meine Grenzen zu lange nicht geschützt. Jetzt ist es Zeit für Regulierung. Für echte Regulierung. Dafür, dass mein Körper wieder Sicherheit erfährt. Dass Geist und Seele wieder spüren dürfen: Hier ist es ruhig. Hier ist es sicher.

Auch dieser Weg hat Zeit gebraucht – ihn zu erkennen, anzuerkennen und nun wirklich zu gehen.


Was Regulierung für mich bedeutet

Regulierung heißt für mich aktuell vor allem eines: meinem Körper Sicherheit zu geben.

Das beginnt sogar beim Essen.

Mein Körper hat seit meiner Kindheit kaum gelernt, sich sicher zu fühlen. Grenzen wurden früh und wiederholt überschritten – durch Überforderung, durch zu frühe Nähe, durch zu viel Verantwortung. Essen wurde zu einer Form von Regulation. Mein Essverhalten geriet aus dem Gleichgewicht.

Heute vertrage ich vieles wieder. Und doch merke ich: Mein Körper ist noch im alten Schutzmodus. Deshalb gehe ich vorsichtig und sanft mit ihm um. Ich lerne neu, wie sich Sicherheit auch über Ernährung anfühlen kann. Ich gebe meinem Darm Ruhe, statt ihn weiter zu überfordern.

Regulierung bedeutet hier: Monotonie.
Und für ein überreiztes System ist das Gold wert.

Natürlich ecke ich damit im Außen an:

„Machst du jetzt die nächste Diät?“
„Wir sind es leid, dass du ständig etwas Neues ausprobierst.“
„Iss doch einfach wieder normal.“
„Geh doch zu einer Ernährungsberatung.“

Ja, ich habe mir fachliche Hilfe gesucht.
Aber klassische Ernährungskonzepte greifen hier zu kurz.

Ich brauche Regulation im Rahmen einer trauma­sensiblen Begleitung. Das ist keine Diät. Es ist ein Regulationsplan. Nicht das äußere Erscheinungsbild ist das Ziel – sondern Sicherheit im System.

Und diese entsteht nicht in Tagen.
Sie braucht Wochen, oft Monate.

Überreizte, überforderte Menschen brauchen

  • Zeit.
  • Ruhe.
  • Reizreduktion.
  • Struktur.
  • Regelmäßigkeit.
  • Weniger Entscheidungen.
  • Kein Druck.

Gewicht, Optik oder Anpassung an Erwartungen spielen dabei zunächst keine Rolle.

Der Darm wird nicht umsonst als „zweites Gehirn“ bezeichnet. Erst wenn er gelernt hat, dass Ruhe wirklich Ruhe ist, kann der Körper wieder mit Komplexität umgehen.

Dass das für Außenstehende schwer nachvollziehbar ist, weiß ich.
Ich konfrontiere sie damit oft auch mit ihrer eigenen Unsicherheit.

Ich beginne, wirklich auf meinen Körper zu hören.
Auf meine Bedürfnisse zu achten.

Das irritiert manche.
Mich nicht. Ich werde klarer.

Und diese Klarheit gibt mir gerade Halt. Sie gibt mir das Rückgrat, meinen Weg zu gehen – ohne ihn erklären oder rechtfertigen zu müssen. Ich gehe ihn einfach.


Warum ich das schreibe

Ich schreibe diesen Text nicht, weil ich „fertig“ bin.
Ich schreibe ihn, weil ich ehrlich bin.

Mein Körper hat mir Grenzen gesetzt, als ich selbst es nicht konnte.
Nicht, weil ich schwach bin.
Sondern weil ich zu lange stark sein musste.

Überforderung ist kein persönliches Versagen.
Sie ist das Ergebnis von Daueranspruch ohne echten Halt.

Vielleicht braucht mein Körper – wie der vieler anderer – keine weitere Optimierung, keine neue Methode, kein weiteres Ziel. Vielleicht braucht er etwas, das wir viel zu selten erlauben: Zeit.

Ich weiß nicht, wohin dieser Weg führt.
Aber ich weiß, dass ich ihm jetzt zuhöre.

Und vielleicht beginnt Heilung genau dort:
wo wir aufhören, uns selbst zu übergehen.

Wenn du dich in diesem Text wiederfindest, dann möchte ich dir eines sagen:
Du bist nicht allein.

Danke, dass du bis hierher gelesen hast.

Posted in

Hinterlasse einen Kommentar